Lebenslange Freiheitsstrafe, was macht sie aus einem Menschen?
Es ist ein Irrglaube, wenn man denkt, dass ein Mensch automatisch nach 15 Jahren aus der Haft entlassen wird. Dafür bedarf es vieler Prüfungen, denn auch in Deutschland ist dieses Strafmaß nicht zeitlich begrenzt.
Doch welche Perspektive hat ein Mensch nach diesem Urteil? Was macht die lange Haft aus einem Menschen?
Ich befinde mich nun seit 13 Jahren in Haft und diese Zeit hat mich sehr verändert. In den ersten 5 Jahren wollte ich über das, was geschehen ist, reden. Doch in diesen Jahren hieß es, ich solle büßen, es sein noch Zeit und ich lernte verschiedene Dinge zu verdrängen. Man fühlt sich orientierungslos und einsam, man schließ sich einer „Gemeinschaft“ an. An Menschen mit anderen Delikten, die man früher gar nicht kannte und gerät dadurch in ein zum Teil noch schlechteres Licht. Wenn man bemerkt, dass es der falsche Weg ist, sucht man verzweifelt nach dem „richtigen Weg“, doch dazu muss man sich selbst finden. Um sich selbst zu finden, benötigt man intensive Gespräche und Hilfe, die aber nur sehr eingeschränkt stattfinden. So habe ich angefangen mich zurückzuziehen, habe mich mehr und mehr aus der Gemeinschaft entfernt. Neue Mitgefangene haben nur noch schwer Zugang zu mir, denn die vielen Enttäuschungen in all den Jahren haben mich auf eine gewisse Art und Weise hart gemacht..
Oft frage ich mich, ob es der Sinn der Haft ist, allein zu leben, denn in Freiheit muss und möchte ich auch und unter Menschen leben! Jeder ruft immer: „Sperrt sie weg – am besten noch bei Wasser und Brot!“. Doch dabei wird vergessen, dass auch wir wieder ein Teil der freien Gesellschaft werden. Wir benötigen Hilfe und mit einer Therapiestunde im Monat ist es nicht getan: Für Suchtproblematiken gibt es, in Haft und auch in Freiheit, Therapieeinrichtungen. Aber für Gewaltdelikte gibt es nichts! Gerade hinter Gewaltdelikten befindet sich oft eine harte Geschichte, die aufgearbeitet werden muss.
Sicher ist bei Tötungsdelikten eine lange Haftstrafe angebracht, aber ist die Handhabung richtig?
Ist es richtig, wenn man vereinsamt, misstrauisch und traurig wird? Ist es richtig, wenn erst ca. fünf Jahre vor Haftende intensiver mit einem gearbeitet wird? Ich sage nein! 15 Jahre könnten indrei Abschnitte aufgeteilt werden: Die ersten fünf Jahre müssen hart sein, damit wir begreifen, was wir getan haben und was passiert ist. Aber dann sollte es auch für uns eine Therapiemöglichkeit geben. Diese kann ebenfalls z. B. übe rfünf Jahre andauern, um uns dann die verbleibenden 5 Jahre auf die Freiheit vorbereiten zu können.
Wie zu Beginn erwähnt, sind einige Prüfungen nötig, um nach 15 Jahren vorzeitig entlassen zu werden. Durch eine deutlich intensivere Arbeit mit uns, hätten es auch Gutachter leichter die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Wegsperren kann nicht der Sinn und das Ziel sein. Wenn man schon von Rückfallgefahr spricht, sollte man sich mal fragen, wer rückfällig wird. Menschen mit Tötungsdelikten oder mit Suchtproblematiken? Gebt uns die Chance an uns zu arbeiten und noch etwas aus unserem Leben zu machen. Resozialisierung ist nicht nur ein Wort, sondern viel mehr eine Arbeit, die deutlich verbessert umgesetzt werden muss! Es ist höchste Zeit für ein Umdenken im Umgang mit Langstrafen!
In Hoffnung
Quelle: DIE WEIS(S)E FRAU, Gefangenenzeitung der Frauenhaftanstalt Schwäbisch Gmünd, Ausgabe 01/ 2011