WM 2010 – Ich war dabei!
Im „Knast“ in Afrika
Angefangen hat alles mit einer Verurteilung und anzutretender Haftstrafe, der ich mich 2006 durch Flucht entzogen habe. Statt zum Haftantritt in die JVA führte mich meine letzte Fahrt in Deutschland zum Flughafen. Von dort ging es via Wien, Doha (Quatar) und Johannesburg nach Kapstadt an die Südspitze Afrikas. Ein Leben in Südafrika stellte ich mir zu dem Zeitpunkt einfach besser vor als ein Leben in einer deutschen JVA. Damals vor fünf Jahren rechnete ich natürlich auch nicht damit, dass mich irgendwann irgendwer jemals in Südafrika finden würde und zu allerletzt hatte ich geplant, statt in einer deutschen JVA im „Knast“ in Südafrika zu landen.
Vorweg greifend bleibt zu sagen: Flucht ins Ausland lohnt sich nicht – am Ende kriegen sie dich doch – meistens. Hinzu kommt, dass man ständig in Angst lebt. Jedes Klingeln an der Tür- und sei es auch nur der Postbote - führt zu Schweißausbrüchen und man ertappt sich ständig dabei, über die eigene Schulter zu schauen, ob man beobachtet oder verfolgt wird. Im Dezember 2009 klingelte dann auch bei mir statt der Briefträger die südafrikanische Polizei und bat mich doch mal wegen einem kleinen Problem, wie man sich höflich ausdrückte, mitzukommen. Das „kleine Problem“ war ein Auslieferungsgesuch des deutschen Justizministerium und des Auswärtigen Amtes.
So sah ich dann nach zwei Tagen Polizeistation das Innere des Correctional- Center (Deutsch=Knast) in Knysna, an der Südwestküste Südafrikas. Innerhalb kürzester Zeit wurde mir klar, dass die kommenden Tage (Damals rechnete ich noch in Tagen) nicht einfach werden. Angekommen im Knast wurde ich in eine der fünf Zellen gesperrt und fand mich gegenüber meinen 44 neuen Mitbewohnern. Erstes Problem – 45 Häftlinge, aber nur 30 Betten, was auch Vorteile hat. Bleiben die Betten beim Schlafen in Schichten wenigstens immer schön warm, was auch erforderlich ist, denn außer einer Rosshaardecke gibt es nichts. Laken, Kopfkissen, Handtuch, Seife, Zahnbürste...Fehlanzeige. 1 Toilette, 1 Waschbecken und eine Dusche pro Zelle. Einfach gesagt: Beim Waschen, Duschen und ... schauen dir 44 Mithäftlinge zu. Man gewöhnt sich an alles, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und nach zwei bis drei Wochen Maisbrei (morgens in einer süßen und abends in einer salzigen Variante) und fünf Scheiben Brot als einzige Nahrung fragt man auch nicht mehr, ob es mal etwas anderes gibt. Und wer braucht schon Freistunde jeden Tag, wenn man doch in der Zelle so viele neue Freunde hat, mit denen man sich jedoch nicht unterhalten kann, denn wer spricht schon Kosa oder Zulu? Rechtsanwälte kommen einem überall auf der Welt mit den gleichen Aussagen: „Das ist schnell geregelt, ich habe schon mit dem Staatsanwalt gesprochen. Wenn Sie bereit sind, nach Deutschland ausgeliefert zu werden, sind Sie in 4-6 Wochen im Heimatland. ...
Erst nach 6 Monaten und 5 Gerichtsterminen konnte ich schließlich Ende Mai 2010 meiner Auslieferung vor Gericht zustimmen und hätte dann auch sofort ausgeliefert werden können. Theoretisch! Denn vom 11. Juni bis 11. Juli 2010 war Fussballweltmeisterschaft, was schlicht und einfach zu der Aussage führte, dass es in der Zeit keine Flüge gäbe.
Das Leben im südafrikanischen Knast ging unterdessen für mich weiter und ich hatte zu lernen mich damit abzufinden. Einkauf gibt es im Knast am anderen Ende der Welt nicht, ebenso wenig Fernsehen, Radio oder ärztliche Versorgung. Übergriffe unter den Gefangenen waren an der Tagesordnung und alles was man nicht am eigenen Körper trug, wurde gestohlen. In Tagen zählte ich zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr und das Schlimmste war, nicht zu wissen, wann ich nach Deutschland fliege. Der Tag meiner Entlassung und Rücktransport nach Deutschland kam schließlich nach 21 Monaten - Anfang September 2011 - ziemlich überraschend. Am Morgen noch im Knast, am Abend bereits im Flugzeug nach Deutschland, begleitet von zwei Beamten des BKA. Das Essen im Flugzeug schmeckte nach 21 Monaten Maisbrei wie zubereitet von einem Fünfsterne-Koch.
Abschließend bleibt zu sagen – Flucht lohnt sich nicht. Ich habe den Knast Südafrika überlebt und sicherlich viel Lebenserfahrung gesammelt, auf die ich auch hätte verzichten können. (gekürzt)
Quelle: AUSBLICK, Die Gefangenenzeitung der JVA Rosdorf, Winter 2011
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